Griechenland und Rom

Griechenland und Rom sind das Herz der menschlichen Gesellschaften; wenn man diese studiert hat, braucht man sich mit den andern nicht abzugeben. Griechenland, welch eine Blüte und Reife! Welche zarte Empfindsamkeit und Festigkeit des Verstandes! Welche Schönheit durchaus! Rom, welch eine Stärke und Einheit! Wo ist die Stadt, solange wir die Welt kennen, die mit dieser kann verglichen werden? Sie haben nur kurze Zeit gestrahlt; lebendige Vollkommenheit kann sich nicht lange erhalten. Ein Mensch bleibt nur kurze Zeit mit sich selbst einig, geschweige eine Stadt, ein Land, Millionen Mennschen. Alles entsteht aus dem Stand der Natur und löst sich wieder dahinein auf; so liegt Rom, so Griechenland jetzt wieder in seiner Wildheit. Leben an und für sich ist schon nichts Beständigen.

– Wilhem Heinse: Aus Briefen – Werken – Tagebüchern, Reclam 1958